Als die letzte Woche der Sommerferien anbrach, war der 16-jährige Robin Evertsson nur noch gelangweilt und mürrisch. In dem kleinen Haus der Familie im schwedischen Göteborg gab es nichts zu tun, außer zu schlafen oder fernzusehen. Was ihn noch mehr nervte: Sein Vater, der in der IT-Branche arbeitete, hatte Urlaub und nörgelte an Robin herum, weil er so lange schlief, obwohl es manches zu erledigen gab.

Robin fühlte sich auch deshalb unwohl, weil bald vieles anders für ihn würde. In wenigen Tagen würde seine College-Zeit beginnen. Er wollte Polizist werden. Kräftig gebaut und bereits jetzt größer als sein Vater, trug Robin sein kurzes braunes Haar zum Igellook gestylt.

Leif Evertsson, 43, war insgeheim verärgert darüber, dass Robin und sein 18-jähriger Bruder Patrick nur herumhingen. Aber er wollte keinen Streit vom Zaun brechen und schlug stattdessen vor: „Wir müssen unbedingt mal raus. Sollen wir für ein paar Tage segeln gehen?“

Die kleine Jacht Ariel mit ihrer gemütlichen Kabine und den vier Kojen war schon vor der Geburt der Jungen im Familienbesitz gewesen. Als Kleinkinder waren sie mit ihren Eltern segeln gegangen und hatten so manches Sommerwochenende damit verbracht, die Passagen zwischen den Felseninseln vor der Küste zu erkunden.

Robin war sofort Feuer und Flamme für die Idee. „Cool – können wir nach Læsø segeln?“, fragte er begeistert.

Robin mochte die schöne, zwischen Dänemark und Schweden gelegene Insel mit ihren langen Stränden und den glatten Straßen, ideal fürs Inlineskating. Außerdem würde die 55 Kilometer lange Fahrt sie außer Sichtweite der Küste führen.

Paula, die Mutter der beiden Jungen, Leifs Lebensgefährtin, wollte nicht mit, und für Patrick stand eine Führerscheinprüfung an. „Dann fahren wir zwei wohl alleine“, sagte Leif zu Robin.

„Klingt gut“, meinte der Teenager. Ein bisschen Zeit mit seinem Vater zu verbringen wäre okay, dachte er. Sie würden Pizza essen und Karten spielen. Und er wusste, dass sein Vater immer zufrieden war, wenn er segelte. „Morgen geht’s los“, entschied Leif.

Mittwoch, der 12. August, begann regnerisch, entwickelte sich aber allmählich zu einem sonnigen Tag. Vater und Sohn besorgten Proviant und segelten dann im Göteborger Stadtteil Näset vom Jachthafen aus los. Eine kräftige Brise kam von vorn, doch der Wind sollte später auf Nord drehen; das versprach eine flotte Fahrt. Mit etwas Glück wären sie gegen Mitternacht in Østerby Havn auf Læsø.

Wie immer zog die knapp sieben Meter lange Segeljacht überraschte Blicke von vorbeifahrenden Booten auf sich, denn der Skipper hatte nur einen Arm. Leif hatte den linken Arm bei einem Motorradunfall verloren, als er 20 war; sein Traum von einer Weltumsegelung war damit vorbei. Trotzdem konnte man kaum sagen, dass er behindert war. Er konnte einhändig Schnürsenkel binden, Kartoffeln schälen und schlüpfrige Hafenleitern hochsteigen. Auf dem Boot konnte er alles selbst erledigen – auch wenn das bedeutete, dass er die Taue mit den Zähnen festhalten musste.

Robin wusste allerdings, dass sein Vater rasende Schmerzen litt. Seine fehlende Hand brannte, als würde sie auf eine heiße Herdplatte gepresst, und diese Phantomschmerzen waren ununterbrochen da. Leif kämpfte dagegen an, indem er ständig aktiv war.

Schon mit zwölf Jahren war Leif in einem kleinen Boot zu den Inseln gefahren und hatte dort mit einem Freund gezeltet. Später hatte er den Küstenschifferschein erworben und war auf größeren Jachten gesegelt. Jetzt ging ihm plötzlich auf, dass Robin, zwar schon oft mitgefahren war, doch immer nur als Passagier auf dem Boot. Er war inzwischen alt genug, um selbst etwas über Seefahrt zu lernen. „Es wird Zeit, dass du zur Mannschaft gehörst“, sagte Leif.

Robin legte seinen iPod beiseite und antwortete mit einem geduldigen „Ja, Papa“. Leif erläuterte, wie sie mithilfe des satellitengestützten Navigationssystems GPS ihre Position auf der Karte bestimmen konnten. Aber als das Boot aus dem Schutz der vorgelagerten Inseln auf offene See gelangte und die Wellen größer wurden, spürte Robin Übelkeit, und er streckte sich in einer der Kojen aus.

Als Leif auf seinen schlafenden Sohn sah, fragte er sich mit Sorge, wie Robin wohl sein Leben meistern würde. Wie wollte er jemals etwas erreichen mit dieser laxen Haltung? Was für ein Polizist würde aus ihm werden?

Bei Sonnenuntergang um 22.30 Uhr geriet das Boot in schlechteres Wetter. Der Wind hatte nicht, wie angekündigt, auf Nord gedreht. Jegliche Hoffnung darauf, dass sie bis Mitternacht bequem in einem Hafen vor Anker liegen würden, war dahin. Jetzt konnten sie von Glück sagen, wenn sie es bis zum Morgengrauen schafften.

Inzwischen hatte Robin sich von seiner Seekrankheit erholt und gesellte sich wieder zu seinem Vater. Leif zeigte ihm das grüne Blinklicht einer Navigationsboje direkt vor der Insel, und Robin identifizierte es auf dem kleinen GPS-Bildschirm.

Das Boot kämpfte sich weiter durch die Nacht. Kurz vor 23.30 Uhr blies der Wind mit 30 Knoten – nahezu Sturmstärke. Die beiden holten das Großsegel ein, damit die Takelung weniger belastet wurde. Die Gischt der drei Meter hohen Wellen fegte über das Deck und stach wie Nadeln in ihren Gesichtern. Robin zitterte. „Das ist ja widerlich“, grummelte er.

Im gedämpften Licht der roten und grünen Navigationslichter erkannte Leif plötzlich, dass das noch gehisste Segel sich seltsam wölbte. Entsetzt sah er, dass der gesamte Mast sich hin und her bewegte. Der dünne Draht zwischen dem Masttopp und der Bootsspitze hatte sich gelöst. Der ganze Mast wurde nur von dem dünnen Seil gehalten, das in die Vorderkante des Segels eingenäht war.

Jeden Augenblick konnte der Mast seitwärts kippen und dabei möglicherweise ein Loch in das Boot schlagen. Oder er könnte ihnen auf den Kopf fallen. Panik erfasste Leif. Anstatt das Boot aus dem Wind zu drehen und das Segel zu entlasten, fasste er einen folgenschweren Entschluss. „Ich muss das reparieren“, sagte er.

Breitbeinig sitzend, mit nur einer Hand zum Festhalten, rutschte Leif über das auf und ab wogende Deck vor dem Mast. Verärgert stellte er fest, dass er kein Werkzeug mitgenommen hatte. „Hol mir die Zange!“, schrie er seinem Sohn über die Schulter zu.

Robin durchsuchte gerade den Werkzeugkasten in der Kabine, als ein plötzlicher Schrei ihn aufschreckte. „Robin! Hilf mir! Ich bin im Wasser!“

Vom Cockpit aus spähte Robin übers Deck. Dann sah er seinen Vater im Wasser. Die Lichter schienen in sein bleiches Gesicht, das zwischen den Kammern seiner Schwimmweste wie eingequetscht wirkte. „Was soll ich machen, Papa?“, rief er ihm zu.

Leif blieb bereits zurück. Ganz plötzlich wurde er über einen Wellenberg getragen und war außer Sicht. Während Robin krampfhaft versuchte, das Boot zu wenden, drangen – getragen vom Wind – ein paar Worte seines Vaters an sein Ohr: „Hol … Telefon …!“

Robin sah, wie sein Vater von einer Welle angehoben wurde. „Halt durch, Papa!“, schrie er. „Du schaffst das!“ Er griff sich das neue Telefon seines Vaters in der Kabine und wählte den Notruf. Doch er erhielt nur eine automatische Ansage in Dänisch. Robin nahm das eigene Handy und wählte erneut, war aber zu weit von Schweden entfernt, um ein Signal zu bekommen.

Wieder draußen, suchte Robin panisch die dunkle See ab. Sein Vater war in der Nacht verschwunden. Immer wieder rief er: „Papa, wo bist du?“

Donnernd fiel das Segel in sich zusammen. Robin erinnerte sich an den Segelunterricht vor ein paar Stunden und warf die Pinne herum. Sofort blähte sich das Segel wieder und trieb das Boot voran. In weiten Kreisen segelte Robin jetzt umher und schrie sich dabei die Kehle aus dem Leib.

Nach 20 Minuten wurde ihm klar, dass es sinnlos war, wieder und wieder im Kreis zu segeln. Er musste etwas tun, aber seine Möglichkeiten waren begrenzt. Es gab kein UKW-Funkgerät und auch keine Notraketen an Bord. Robin verdrängte seine Panik und durchdachte die Lage: Ich bin derjenige, der Hilfe holen muss. Der Entschluss war qualvoll. Wie konnte er seinen Vater zurücklassen? Aber wie sollte andererseits Hilfe kommen, wenn er hier blieb?

Robin sah sich den GPS-Bildschirm an. Bei einem größeren Bildausschnitt kam die schwedische Küste in Sicht; das erleichterte ihm den Entschluss.

Er drehte bei und steuerte auf Schweden zu. Der Wind blähte das Segel straff auf, das Boot wurde schneller. Robin sorgte sich wegen des Masts, aber da Wind und Wellen jetzt von achtern kamen, war die Belastung inzwischen geringer.

Das Boot ritt auf den Wellen dahin, die auf das Heck zurollten. Es war schwer zu steuern. Robin ahnte, dass das Boot umschlagen würde, falls es mit der Breitseite in den Wind kam. Kälte und Schock ließen seine Beine heftig zittern. Alle paar Minuten zog er das Handy aus der Tasche und überprüfte die Anzeige. Noch immer kein Netz. In der Ferne sah er die Lichter von Schiffen. Um 1.48 Uhr wählte Robin zum sechsten Mal den Notruf. Völlig überrascht hörte er eine Frauenstimme antworten: „Notrufzentrale“.

Es dauerte einen Moment, bis er seine Stimme wiederfand. „Papa ist über Bord!“, stotterte er schließlich. Dann zwang er sich zur Ruhe und ergänzte: „Mein Vater ist etwa fünf Meilen vor Læsø ins Meer gefallen.“

Der Anruf wurde zur marinen Rettungsleitstelle in Göteborg weitergeschaltet, wo die diensthabende Cecilia Wegnelius Angst und Kälte aus der Stimme des Jungen heraushörte. „Wann ist er über Bord gegangen?“

„Ungefähr vor zwei Stunden“, sagte Robin. „Ich segle inzwischen in Richtung Schweden.“

„Okay“, erwiderte Wegnelius. „Wo bist du jetzt?“ Robin drückte die Navigationstaste auf dem GPS, so wie sein Vater es ihm gezeigt hatte, fand aber keinerlei Angaben über Längen- und Breitengrad. „Was siehst du in der Umgebung?“, fragte die Frau von der Leitstelle.

„Die Lichter von Schweden kommen gerade in Sicht. Hinter mir sind Schiffe und eine große weiße Fähre mit einem Zeichen auf dem Schornstein.“

Plötzlich hörte Robin ein metallenes „Pling“. Der Draht, der den Mast aufrecht gehalten hatte, flog ihm um die Ohren. Der Mast krachte längs aufs Deck, seine obere Hälfte schlug ins Wasser. Heftig schwankend drehte sich das Boot zur Seite. Robin robbte in die Kabine. „Bleib ruhig“, redete Wegnelius ihm zu. „Wir schicken einen Hubschrauber und Rettungsboote raus.“

Die Fähre, die Robin sehen konnte, war die Crown of Scandinavia auf Nordroute von Kopenhagen nach Oslo. Um 2.50 Uhr wurde das kleine Segelschiff von der Fähre aus gesichtet.

Ein schwedischer Rettungshubschrauber startete. Rettungsschwimmer Patrick Nilsson, 35, wurde abgeseilt. Er schwamm zur Jacht und fragte: „Alles in Ordnung mit dir?“

Robin nickte. „Wir müssen Papa retten“, sagte er.

„Keine Bange, es sind massenhaft Leute auf der Suche“, versicherte Nilsson. Wenig später saß Robin im Hubschrauber. Es war 3.19 Uhr. Leif war seit fast vier Stunden im Wasser.

Leif hatte, während ihn die raue See hin und her warf, Stiefel und Hose abgestreift, um leichter zu werden. Die Rettungsweste rutschte immer wieder über seinen Armstumpf, sodass er sie mit der freien Hand festhalten musste. Die Wellen klatschten ihm ins Gesicht. Seine Lage war verzweifelt, aber Leif konnte kämpfen. Der Verlust seines Armes hatte ihn auf das hier vorbereitet, dachte er. Dann bemerkte er etwas Seltsames: Erstmals seit seinem Unfall war der Schmerz in der fehlenden Hand verschwunden.

Seine Gedanken wanderten zu Robin. Wie konnte ich nur so dumm sein und ihn allein lassen? Ich darf auf keinen Fall sterben und Robin mit Schuldgefühlen zurücklassen.

Leif wusste, dass sein Sohn nicht einfach aufgeben würde. Aber er war unsicher, wie weit Robin mit seinen wenigen nautischen Kenntnissen kommen würde. Und was, wenn der Mast umstürzen und ihn verletzen würde?

Leif bekam Krämpfe in den Beinen. Um die Schmerzen erträglich zu machen, nahm er die an der Schwimmweste befestigte Trillerpfeife zwischen die Zähne und biss fest darauf.

Es dauerte lange, bis er begriff, dass die Lichter, die er schon eine Weile in der Ferne gesehen hatte, zu Schiffen gehörten und dass sie näher kamen. Fünf Boote in jeweils etwa 200 Meter Abstand kamen in einer Linie auf ihn zu; ihre Scheinwerfer glitten über die Wasseroberfläche. Man suchte nach ihm. Robin hatte es geschafft!

Einige bange Minuten lang fürchtete Leif, dass ihn das Boot, das ihm am nächsten war, überfahren würde. Verzweifelt manövrierte er sich in den Lichtkegel und schrie. Ein dänischer Hubschrauber schwebte aus dem dunklen Himmel herab. Um 4.57 Uhr funkte der Pilot zur Leitstelle: „Der Mann ist im Hubschrauber. Er ist durchgefroren, aber er lebt.“

Leif wollte nur eines wissen: „Wie geht es Robin?“

„Es geht ihm gut. Er ist auf dem Heimweg“, hörte der besorgte Vater.

Leif ließ den Kopf zurücksinken und schloss die Augen. Gott sei Dank!

Robin hörte die Neuigkeiten nur Minuten später, während er im Polizeiauto nach Hause gefahren wurde: „Dein Vater lebt, es geht ihm gut.“

Die Rettungsmannschaften lobten Robins Selbstbeherrschung und seine mutige Entscheidung, Hilfe zu holen. Auch Leif bewundert und lobt seinen Sohn aus vollem Herzen: „Robin ist ein großartiger Junge, der in dieser Nacht erwachsen geworden ist. Er wird ein guter Polizist werden.“

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3 Kommentare

Hans Gertges on 19 November 2011 ,21:56

Für mich als Segler ein ausgezeichneter Bericht!

Franz Klutzny on 21 Mai 2010 ,07:29

Ein interesannter Beitrag in Readers-Digest

Anneliese Gers on 29 April 2010 ,19:26

Ihre Beiträge, Geschichten,Berichte...was auch immer, es ist interessant, lehrreich und unterhaltsam. Beziehen Ihr Heft seit "ewig". - Ebenfalls für unsere Kinder

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