Als Leymah Gbowee 1989 ihren Schulabschluss im großen Kreis ihrer Familie, Nachbarn und Freunde feierte, malte sie sich die Zukunft in leuchtenden Farben aus. Die noch minderjährige liberianische Highschool-Absolventin wollte am College Biologie und Chemie studieren, um Kinderärztin zu werden. Stattdessen, schreibt sie in ihrer Autobiografie Mighty Be Our Powers, war alles, was ihr Leben ausgemacht hatte und wovon sie geträumt hatte, nur sechs Monate nach dieser Feier zerstört. Ihr Land wurde vom Bürgerkrieg gebeutelt, ihr Viertel verwüstet, ihre Familie in alle Winde verstreut – und ihre Pläne zerplatzten.

Es folgten Jahre des Terrors. Die Rebellen unter Charles Taylor versuchten, den korrupten Präsidenten Samuel Doe zu entmachten, und beide Parteien verübten Massaker. Leymah Gbowee erlebte, wie Zivilisten vor ihren Augen ermordet wurden, eines der Blutbäder ereignete sich in einer Kirche. („Zwischen den Kirchenbänken, in denen wir gewöhnlich sangen und beteten, wurden Menschen vergewaltigt, geprügelt, erschossen und in Stücke gehackt“, schreibt sie.) Mit Verwandten floh Gbowee von einer Notunterkunft zur nächsten, musste oft hungern und lebte eine Zeit lang in einem Flüchtlingslager in Ghana.

Als sich 1991 eine neue Übergangsregierung gebildet hatte, kehrte sie nach Liberia zurück und ging eine Beziehung zu einem Mann namens Mens ein, der sie misshandelte. Sie hatte sich gerade geschworen, ihn zu verlassen, als sie herausfand, dass sie schwanger war. Leymah Gbowee fühlte sich gefangen, blieb und bekam noch zwei weitere Kinder von ihm. Ihr Wille zur Unabhängigkeit jedoch war ungebrochen. Im Rahmen eines UNICEF-Programms begann sie zu studieren, wurde Sozialarbeiterin und arbeitete mit Kriegstraumatisierten.

Mit neu gewonnenem Selbstvertrauen und der Unterstützung ihrer Familie verließ die erneut schwangere Leymah Gbowee ihren Mann und nahm ihre Kinder mit. Sie träumte von einer nationalen Frauenbewegung, die sich für den Frieden in Liberia einsetzen würde. Mittlerweile war Charles Taylor Staatspräsident, und es wütete ein zweiter Bürgerkrieg. Von Dorf zu Dorf reisend, begann Gbowee Frauen zu organisieren.

Entgegen aller Erwartungen konnte sie Christinnen wie Muslimas für die Bewegung gewinnen. Unter ihrer Führung kamen Tausende Frauen, als Symbol des Friedens ganz in Weiß gekleidet, zu Protestmärschen zusammen. Wie Gbowee schreibt: „‚Früher haben wir geschwiegen‘, sprach ich zu den Versammelten. ‚Aber nachdem so viele von uns getötet, vergewaltigt, gedemütigt und mit Krankheiten angesteckt wurden und wir mit ansehen mussten, wie man unsere Kinder und Familien zerstörte, hat uns der Krieg gelehrt, dass die Zukunft nur darin liegen kann, ,Nein‘ zur Gewalt und ,Ja‘ zum Frieden zu sagen! Wir werden nicht aufgeben, bis sich der Frieden durchgesetzt hat!‘“

Gbowees Frauenorganisation trieb den politischen Wandel voran, bis der Präsident 2003 sein Amt niederlegte und das Ende des Bürgerkriegs erreicht wurde. Ihr ist es zu verdanken, dass sich Frauen in die Wählerlisten eintragen ließen, und sie triumphierten, als im Jahre 2005 Ellen Johnson Sirleaf als erstes weibliches Staatsoberhaupt auf dem afrikanischen Kontinent zur Präsidentin gewählt wurde.

Gbowee ist die Hauptfigur des englischsprachigen Dokumentarfilms Pray the Devil Back to Hell (Den Teufel zurück in die Hölle beten) und mittlerweile weltweit als geschäftsführende Direktorin der Organisation „Women Peace and Security Network Africa“ (WIPSEN; Frauen-Netzwerk für Frieden und Sicherheit in Afrika) unterwegs. Im Oktober wurde Leymah Gbowee zusammen mit Ellen Johnson Sirleaf und der jemenitischen Aktivistin für Demokratie, Tawakkul Karman, der Friedensnobelpreis 2011 zugesprochen.

Reader’s Digest traf die inzwischen 39-jährige sechsfache Mutter in New York zum Interview.

Reader’s Digest:Woher beziehen Sie Ihre Kraft?

Leymah Gbowee: Aus meinem Glauben. Alles, was ich bin, was ich sein möchte, was ich einmal war, bin ich dank der Gnade Gottes. Es gibt so viele Frauen, die intelligenter sind als ich.

RD:Und doch gab Ihnen etwas den Mut, sich aus Ihrer verzweifelten Lage zu befreien.

LG: Es gab da ein Schlüsselerlebnis, als ich meinen Sohn einmal zu meiner Mutter sagen hörte, er habe Angst vor seinem Vater. Ich war wütend auf mich selbst, weil ich es zuließ, dass meine Kinder Gewalt erlebten. Von dem Moment an schwor ich mir, dass ich sie beschützen und mich nicht unterdrücken lassen würde. Sogar jetzt, in diesem Augenblick, da wir über die Frauenrechte sprechen, weiß ich, dass meine Töchter davon profitieren werden. Dieses meinen Kindern gegebene Versprechen macht mich stark. Ich habe das Glück, dass ich dorthin gehen kann, wo Menschen zusammen leben, und mir anschauen kann, was ihre Lebenswirklichkeit ist. Ich habe das Glück, dass ich anschließend zu den Regierungen gehen kann, um ihnen diese Lebenswirklichkeiten zu vermitteln, und ich habe das Glück, dann auch auf internationaler Ebene Verantwortliche zu erreichen und ihnen sagen zu können: „Was auch immer ihr da zu tun gedenkt, für diese spezielle Gruppe bewirkt es keine Verbesserung.“

RD:Haben Sie jemals Angst?

LG: Gelegentlich. Als wir in Nigeria für die Rechte der Frauen aus der Republik Côte d'Ivoire demonstrierten, habe ich die für mich beängstigendste Situation erlebt. Meine Angst galt weniger mir selbst als vielmehr den Frauen draußen auf der Straße. Meine Kolleginnen hatten Passierscheine für das Konferenzgebäude erhalten, wo die Präsidenten sich trafen (zu einer internationalen politischen Konferenz über Westafrika). Doch mein Gewissen hätte es mir niemals erlaubt, im Innern zu sitzen, während sich draußen Frauen in Gefahr befanden, also schloss ich mich den Demonstrantinnen an.

RD:Sie haben sich in Gefahr begeben.

LG: Wer ein Anführer sein will, muss bei seinen Leuten sein. Es heißt zwar: Man muss überleben, um den Kampf weiterführen zu können, doch manchmal muss man zeigen, dass man wirklich ein Anführer ist. Wenn jene Frauen dort in der glühenden Hitze auf der Straße protestieren, sollte ich, die ich die Demonstration organisiert habe, auch mit ihnen draußen sein. Wir haben getanzt, mitten auf der Straße! Frauen stellten ihre Autos ab und schlossen sich uns an. Die Soldaten trauten ihren Augen nicht, denn wir tanzten direkt vor ihrer Nase. Ich habe durchaus manchmal Angst vor dem Tod, und ich sorge mich um meine Kinder. Doch ich habe nie davor Angst, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen.

RD:Viele fühlen sich ohnmächtig und denken: Es gibt so viele Probleme, und ich bin doch nur ein Mensch. Was sagen Sie diesen Leuten?

LG: Gott hat jeden von uns geschaffen, damit er einen individuellen Beitrag leistet. Manche Menschen hat Gott dafür vorgesehen, der Nachbar zu sein, der die Kinder um sich versammelt und mit ihnen singt oder ihnen Geschichten erzählt, weil manche Menschen einfach wunderbare Erzähler sind. Leider habe ich meine Schwester Geneva verloren, und ich wünschte mir so sehr, sie wäre noch unter uns. Wenn ich zur Arbeit ging, hat sie sich rührend um meine Kinder gekümmert. Und wenn ich mir heute so ansehe, wie sie sich entwickelt haben, ist mir bewusst, dass nichts davon mein Verdienst ist, denn diese Frau hat einfach perfekte Arbeit geleistet.

RD:Welche Botschaft möchten Sie den Leserinnen und Lesern Ihres Buches mitgeben?

LG: Ich möchte das negative Bild der afrikanischen Frau löschen, einer Frau mit schlaffen Brüsten, Essschalen in der Hand und drei Kindern an ihrem Rockzipfel. Ich möchte aus der Welt schaffen, dass wir immer die Opfer sind. Auch wenn wir zu Opfern werden, sind wir Überlebende. Wir sind starke Frauen, die durch die Hölle gehen und die trotzdem aufrecht auf eigenen Füßen stehen. In welcher Lebenssituation du dich auch befindest, du kannst dich immer aus ihr befreien. Niemand kann dich daran hindern, die zu sein, die du wirklich sein willst.

 

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1 Kommentare

Werner Schütz on 06 Dezember 2011 ,12:29

Ich bewundere diese Frauen und es ist an der Zeit, dass die Frauen in diesen Ländern mehr geachtet werden!

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