Schmerz lass nach!

Es beginnt stets ohne Vorwarnung – und immer früh morgens. In manchen Monaten erwacht Christa Noll an acht bis zehn Tagen mit einem pochenden Druckgefühl hinter Stirn und Augen. „Jeder Lichtstrahl wirkt dann wie ein Messerstich ins Auge, und mir ist ständig übel“, berichtet die Hamburgerin. „Manchmal wird es so schlimm, dass ich mich am liebsten erschießen würde.“ Seit 50 Jahren leidet die 68-Jährige an Migräne. Auf der Suche nach der Ursache der Pein wurde die ehemalige Schneiderin zum Stammgast in Arztpraxen und Kliniken. „Ich habe alles ausprobiert: Betablocker, Schmerzmedikamente, Verhaltens-therapie – ohne Erfolg“, erzählt sie. Nur spezielle Migränemedikamente lindern ihre Qual – aber auch nur dann, wenn Noll sie gleich zu Beginn eines Migräneanfalls einnimmt.
UNTER KOPFSCHMERZ LEIDEN MILLIONEN
Irgendwann trifft es fast jeden: Plötzlich hämmert, pocht, sticht oder dröhnt es im Kopf. Rund 54 Millionen Deutsche leiden zeitweise oder chronisch unter Schmerzen im Kopf.
Dabei ist Kopfschmerz nicht gleich Kopfschmerz: Mehr als 200 verschiedene Formen des Leidens, die sich in Ursache und Symptomen unterscheiden, haben die Forscher bis heute ausgemacht. 90 Prozent der Geplagten leiden dabei an einer der beiden häufigsten Formen: Spannungskopfschmerzen und Migräne.
Normalerweise signalisiert unser Körper durch Schmerzen, dass wir uns verletzt oder eine Erkrankung zugezogen haben. Kopfschmerz hingegen quält uns meist scheinbar grundlos: Die Ärzte finden trotz ausgeklügelter Untersuchungsmethoden und Hightech-Verfahren nur selten eine konkrete Ursache. Was sie hingegen regelmäßig zu sehen bekommen, ist ein Gehirn in Aufruhr: Die Balance der Nervenbotenstoffe ist gestört, die Spannung und Festigkeit der Blutgefäßwände verändert. Die daraus resultierende Reizung empfindlicher Regionen, etwa der Hirnhäute, der Schädelinnenseite oder der Blutgefäße im Gehirn, erzeugt dann den Schmerz.
WAS LÖST ALL DIESESCHMERZEN AUS?
Was aber versetzt so viele Gehirne in Aufruhr? Ist es der Stress? Die Ernährung? Der Leistungsdruck? Die genetische Veranlagung? Darüber zerbrechen sich die Forscher seit Langem den Kopf. „Es müssen immer mehrere Faktoren zusammenkommen, damit Kopfschmerz oder Migräne entsteht“, erklärt Dr. Jan Brand, Leiter der Migräneklinik Königstein in Hessen. „Deshalb gibt es auch nicht die eine Therapie, die jedem hilft. Bevor Sie zu Medikamenten greifen, sollten Sie genau wissen, um welche Art Kopfschmerz es sich bei Ihnen handelt.“ Denn was gegen eine Form hilft, kann bei einer anderen zur Ursache noch schlimmeren Leidens werden.
DAS HILFT BEI SPANNUNGSKOPFSCHMERZ
Am häufigsten leiden die Kopfschmerz- Gepeinigten unter Spannungskopfschmerz. Symptomatisch ist ein drückender, stechender oder auch ziehender Schmerz in beiden Kopfhälften, der sich bei Bewegung nicht verschlimmert.
Die Bremer Beamtin Anja Baumann kennt die Symptome nur zu gut. „Als ob eine eiserne Kapuze meinen Kopf vom Genick bis zur Stirn einschnürt“, beschreibt die 38-Jährige sie und ist sich auch sicher, die Ursache ihrer Schmerzen zu kennen. „Ich hatte Dauerstress am Arbeitsplatz, dazu kam die Doppelbelastung als Mutter und Berufstätige. Das war einfach zu viel.“
So geht es vielen Patienten. „Spannungskopfschmerz ist häufig seelisch bedingt“, erklärt Experte Brand. „Früher dachte man, dass Muskelverspannungen den Kopfschmerz verursachen. Heute weiß man, dass das nicht stimmt“, sagt Professor Arne May, Neurologe an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Rund die Hälfte aller Patienten mit dieser Art Kopfschmerzen hat zwar Muskelverspannungen – aber die könnten auch Folge des Schmerzes sein.
Tritt er selten auf, können Schmerz- und entzündungshemmende Mittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen und Naproxen sowie die Wirkstoffkombination aus Paracetamol, Koffein und ASS Linderung bringen. Auch das Auftupfen von ätherischem Pfefferminzöl auf Stirn und Schläfen hilft manchen Betroffenen – übrigens ebenso gut wie Paracetamol. Bei chronischem Spannungskopfschmerz versagen diese Mittel jedoch, und ein Besuch beim Arzt ist ratsam.
Am besten ist es natürlich, den Belastungen, die Schmerzen auslösen, ganz aus dem Weg zu gehen. „Betroffene sollten ihre Stressbewältigung verbessern“, rät Schmerzspezialist Brand. Zudem empfiehlt er Ausdauersport, die Einnahme von B-Vitaminen und Coenzym Q10. Studien zufolge ist eine Kombination aus Medikamenten und Verhaltenstraining effektiver als eine reine Medikamententherapie. Auch Progressive Muskelentspannung und Biofeedback-Training wirken vorbeugend.
So war es auch bei Anja Baumann, die sich schließlich an eine spezialisierte Klinik wandte. Ihr Behandlungspaket: Stressbewältigungskurse, Sport, Entspannungsübungen, eine Ernährungsumstellung auf kohlehydratarme Kost, dazu gezielte Medikamente. „Ich habe jetzt viel seltener Schmerzattacken, es geht mir erheblich besser“, sagt sie. Das soll auch so bleiben. „Ich werde im Beruf häufiger mal Nein zu Extraaufgaben sagen, künftig mehr auf Pausen und Auszeiten achten.“
DAS HILFT PATIENTEN MIT MIGRÄNE
Fast jeder zehnte Deutsche wird binnen der nächsten sechs Monate eine Migräneattacke erleiden. Frauen trifft es fast doppelt so häufig wie Männer.
Der pochende Kopfschmerz begleitet die Hamburgerin Heidy Thieme, 58, seit ihrer Kindheit. Immer wieder zwang sie das Leiden zur Bettruhe im abgedunkelten Zimmer. Die Sozialpädagogin leitet heute eine Migräneselbsthilfegruppe und kennt die Vorurteile, auf die Betroffene bei Vorgesetzten und Kollegen häufig stoßen: „Frau Gräfin nimmt wieder ihre Migräne, heißt es dann.“
Meist tritt der Schmerz nur in einer Kopfhälfte auf und verstärkt sich durch körperliche Aktivität. Die Augen werden lichtempfindlich, dazu kommen Übelkeit und Erbrechen. Bei rund 15 Prozent der Patienten beginnt der Anfall mit einer „Aura“ – Sehstörungen, bei denen Betroffene trotz geschlossener Augen Lichtblitze oder Flimmerbilder sehen. Eine Migräneattacke kann bis zu 72 Stunden anhalten.
„Man kennt zwar Auslöser der Migräne, nicht aber die eigentlichen Ursachen“, sagt Dr. Stefanie Förderreuther, Generalsekretärin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). Hormonschwankungen, Änderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus, Ruhephasen nach Stress, Rotweinkonsum oder Flüssigkeitsmangel sind häufige Auslöser der Schmerzattacken.
Auch der Eiweißstoff Histamin scheint eine Rolle zu spielen. „Bei 30 bis 40 Prozent unserer Patienten ist Histamin an der Migräne beteiligt“, berichtet Schmerzexperte Brand. Das Eiweiß ist in zahlreichen Lebensmitteln, etwa Fischkonserven, Parmesankäse und Rotwein, enthalten. „Wer feststellt, dass er empfindlich auf histaminhaltige Nahrungsmittel reagiert, sollte sie meiden.“ Oder zumindest deren Verzehr in ein Kopfschmerztagebuch eintragen (siehe „Das A & O der Diagnose“, Seite 87), um sich Klarheit zu verschaffen.
Bei häufigen Migräneattacken zählen Triptane zu den wirksamsten Medikamenten – speziell gegen Migräne entwickelt, lindern sie bei mehr als der Hälfte aller Patienten die Beschwerden. „Bei leichteren Schmerzen hilft oft auch die kurzzeitige Einnahme von schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten wie ASS, Paracetamol oder Ibuprofen“, erklärt Experte Brand.
Heidy Thieme brachte schließlich das sogenannte Medi-Taping Linderung – eine in Deutschland seit rund zehn Jahren angewandte, aber noch nicht durch Studien abgesicherte Methode. Seit zwei Jahren lässt sich Thieme regelmäßig von ihrer Physiotherapeutin elastische Pflaster auf Nacken-, Hals- und Schulterbereich kleben. Seither hat sie deutlich seltener Migräne und braucht kaum noch Schmerzmittel.
Der Migräne können Sie auch vorbeugen: beispielsweise mit Biofeedback-Training – das wiesen Wissenschaftlerinnen der Universität Marburg nach. Dabei lernen Betroffene mithilfe von Sensoren, unbewusste Körpervorgänge wie Muskel- oder Gefäßspannungen zu kontrollieren. Als geeignete Vorbeugung stuft die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft zudem die Einnahme von Magnesium und Vitamin B2 ein. Erst kürzlich erhielt das Nervengift Botulinumtoxin, kurz Botox, in den USA die Zulassung als Mittel zur Vorbeugung von chronischer Migräne.
Obwohl die Zulassung für Europa noch aussteht – der Hamburgerin Christa Noll hat Botox schon geholfen: Verzweifelt ließ sie es sich vom Arzt in Stirn, Schläfe, Kiefer und Nacken injizieren. Und hatte in den letzten fünf Monaten nur zwei bis drei Schmerzattacken pro Monat.
DAS HILFT BEI CLUSTER-KOPFSCHMERZ
Wie bei der Migräne tritt der sogenannte Clusterkopfschmerz halbseitig auf – und wird deshalb oft mit ihr verwechselt. Die Bezeichnung „Cluster“, zu Deutsch Häufung oder Gruppe, bezeichnet die Eigenart dieser Kopfschmerzform, episodisch, schnell und gehäuft aufzutreten – zum Teil mit mehreren Attacken am Tag. Eine einzelne dauert bis zu zwei Stunden. Im Gegensatz zur Migräne wechselt der Clusterkopfschmerz nie die Seite.
Die Bremer Hausfrau Myriam Malecha kennt das Problem: Seit Jahrzehnten litt die 49-Jährige an Migräne. „Aber keines der üblichen Prophylaxemittel half“, erinnert sie sich. Erst als ein Arzt zusätzlich zur Migräne Clusterkopfschmerz diagnostizierte, wurde sie wirksam behandelt.
Ist das Auge auf der vom Schmerz betroffenen Seite gerötet und tränt, scheint das Lid zu hängen, läuft die Nase oder ist sie auf der schmerzenden Seite verstopft, sollten Sie und Ihr Arzt auch an einen Clusterkopfschmerz denken. Experten vermuten die Ursache in einer Reizung des Trigeminusnervs, die zu Störungen im Hirnstoffwechsel sowie im Hormonhaushalt führt. Alkohol und Histamine können Attacken innerhalb weniger Minuten auslösen. Dasselbe gilt für den Arzneiwirkstoff Nitroglycerin, der sich beispielsweise in Herzmitteln findet.
Bis zu 60 Prozent der Betroffenen hilft die Inhalation von reinem Sauerstoff oder auch die Einnahme spezieller Antihistamine. So auch Myriam Malecha: „Nur damit lassen sich die Kopfschmerzattacken stoppen“, berichtet sie. Als weitere Akuttherapien empfiehlt die DMKG zudem Triptane – als Injektion oder Nasenspray –, Lidocain-Nasentropfen oder eine Kurzzeittherapie mit Kortison.
Vorbeugen lässt sich dem Cluster-Kopfschmerz vor allem mit Medikamenten: Der DMKG zufolge wirkt in erster Linie die Dauereinnahme des verschreibungspflichtigen Wirkstoffs Verapamil, der an sich bei Herzleiden eingesetzt wird. Auch eigentlich gegen Depressionen gedachte Lithiumpräparate und Epilepsiemittel mit dem Wirkstoff Topiramat können vor den Schmerzattacken schützen.
MEDIKAMENTE NICHT ZU OFT ODER LANGE NEHMEN
Es klingt bizarr, aber so mancher dumpfe, bohrende Dauerschmerz in beiden Kopfhälften wird durch Schmerzmittel ausgelöst. Dazu zählen Kombipräparate mit Opioiden, Koffein und Codein genauso wie die Migränemittel Triptane oder Ergotamine. Zu oft oder zu lange eingenommen werden diese Mittel zum Problem. „Hier hilft nur ein Entzug unter ärztlicher Kontrolle. Dabei werden die auslösenden Mittel abgesetzt. Das kann ambulant oder in einer Klinik erfolgen“, erklärt Dr. Brand. Dafür lässt sich dieser Form des Schmerzes jedoch leicht vorbeugen. „Kopfschmerzmittel nie öfter als drei Tage nacheinander und nie mehr als zehn Tage pro Monat einnehmen“, rät der Experte.
Auf rund sechs Milliarden Euro pro Jahr schätzen Experten den wirtschaftlichen Schaden für die durch alle Kopfschmerzarten ausgelösten Fehltage am Arbeitsplatz – allein in Deutschland. Den Kopfschmerz richtig zu diagnostizieren und gezielt zu behandeln wäre also in aller Sinne. Vor allem aber würde es Millionen vom Schmerz Gepeinigten das Leben leichter machen.
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2 Kommentare |
| Waldemar Bufink on 01 September 2011 ,15:02 Danke, gut angekommen! Habe schon weiter empfolen. Waldemar |
| Volker Brinckmann on 31 August 2011 ,21:34 Jahrelang habe ich mich mit Kopfschmerzen herumgeschlagen. Spannungs-, Cluster-, Stechende Kopfschmerzen. Tagebuch geführt, Schmerzklinik, Akupuntur, usw,usw!! NICHTS hat geholfen !! ABER eines Tages habe ich eine 1/2 Tasse frischen schwarzen Kaffee mit dem Saft einer 1/2 Zitrone vermischt getrunken - es schmeckt nicht besonders toll - ABER ES HILFT !!!Kann den Tipp nicht oft genug loben - AUSPROBIEREN !! |
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