Reise ins All
Als erfolgreicher Geschäftsmann, der in Luxemburg mit Immobilien handelt, kann Jean Ries es sich leisten, eine eigene einmotorige viersitzige Maschine zu pilotieren. Der 51-jährige Vater von vier Kindern, der seit seinem 16. Lebensjahr fliegt, hat eine Wohltätigkeitsorganisation gegründet, die Menschen im Rollstuhl die Gelegenheit gibt, selbst ein Flugzeug zu steuern. Außerdem will er Luxemburgs erstes Flugmuseum einrichten.
„Das Fliegen ist meine große Leidenschaft“, sagt er. „Als Neunjähriger habe ich 1969 im Fernsehen gesehen, wie Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond gelandet sind. Seitdem wollte ich selbst ins Weltall fliegen.“
Jetzt hat er die Chance dazu. Jean Ries ist einer der ersten 100 Menschen, die sich als Astronauten bei Virgin Galactic (LLC), der weltweit ersten kommerziellen Weltraum-Fluglinie des Business-Magnaten Richard Branson, angemeldet haben. Sofern das Testflug-Programm eine gewerbliche Lizenz erhält, könnte Ries bereits Ende 2012 die Erdatmosphäre verlassen und in 110 Kilometer Höhe im suborbitalen Flug die Schwerelosigkeit erleben.
In den 50 Jahren, seit Juri Gagarin am 12. April 1961 in einer winzigen Kapsel die Erde umkreiste, folgten ihm rund 520 Männer und Frauen aus 38 Ländern ins Weltall. LLC plant, pro Jahr mehr als 500 Astronauten ins All zu befördern. „Ich werde der erste aus Luxemburg sein“, sagt Ries nicht ohne Stolz.
Aber LLC setzt keine konventionellen Raketen ein, die vom Boden abheben. Die VSS Enterprise startet in großer Höhe von einem neuartigen Mutterschiff aus, das VMS Eve heißt. Es verfügt über zwei identische Rümpfe, die durch eine Flügelspannweite von 42,6 Metern miteinander verbunden sind. Es ist das größte Flugzeug, das vollständig aus Kohlefaser-Verbundstoff gebaut wurde. Der Pilot steuert das Flugzeug vom Steuerbordrumpf aus. Die gesamte Struktur ist viermal so stark wie Stahl, wiegt nur ein Viertel und kann eine Nutzlast von rund 16 000 Kilo tragen.
Diese Nutzlast ist das 18,20 Meter lange und mehrfach verwendbare Raumschiff VSS Enterprise, das mit sechs Passagieren und zwei Piloten bis über 15 000 Meter Höhe gebracht wird. Von dort aus fliegt es mit vierfacher Schallgeschwindigkeit über die Kármán-Linie in 100 Kilometer Höhe, wo das Weltall offiziell beginnt.
Während die Testflüge schnell Fortschritte machen, absolvieren Ries und die anderen Pioniere in Philadelphia, USA, ein zweitägiges Training in dem STS-400 Space-Training-Simulator des National AeroSpace Training and Research Center (NASTAR). Es gilt als „Erfahrung, die einem echten Weltraumflug am nächsten kommt“.
Ries wurde in ein Simulator-Cockpit geschnallt und von Medizinern an Überwachungsgeräte angeschlossen. „Sie können das Training jederzeit abbrechen“, wurde ihm gesagt. „Auf keinen Fall“, dachte er. Im Cockpit eingeschlossen hörte er: „Wir haben unsere Starthöhe erreicht.“ Ries konnte nun die Krümmung der Erdoberfläche sehen und die Färbung des Himmels darüber, die sich von Blau zu Violett und Schwarz verdunkelte.
„Dann fühlte ich das Raumschiff fallen, so als ob es vom Mutterschiff abgekoppelt würde“, berichtet Ries.
„Zündungssequenz startet in 3, 2, 1 ... Wir beschleunigen mit G-Kraft.“
„Ich wurde in einem schnellen vertikalen Aufstieg nach oben gedrückt, wobei die G-Kräfte mich in den Sitz pressten. Wir erreichten nach drei Sekunden 3800 km/h.“
Ries fühlte ein gewaltiges Gewicht auf seinem Körper. Die Schwerkraftskala zeigte bereits 4G an, das hieß, sein Körper fühlte sich viermal so schwer an wie normal. Er begann, seine Muskeln anzuspannen, wie er es gelernt hatte, um die Blutgefäße offen zu halten und den Tunnelblick und eine Ohnmacht zu verhindern.
Bei 110 Kilometer Entfernung zur Erde war Ries nicht nur vom Anblick des Weltalls fasziniert, sondern auch von den Bildern der Heckkamera. „Kalifornien unter mir zu sehen, das sich mit Mach 3, also der dreifachen Schallgeschwindigkeit, entfernte, war phänomenal.“
„Um ein Virgin-Astronaut zu werden, muss man fit sein“, sagt Stephen Attenborough, Marketingdirektor von LLC. „Unsere medizinischen Tests sind allerdings nicht so streng wie die von angehenden Jetpiloten. Von den 100 Trainingsteilnehmern mussten wir nur zwei ablehnen.“
Alles lässt sich jedoch nicht üben; die Zentrifuge kann keine Schwerelosigkeit simulieren. Damit muss man bis zum echten Flug warten, wenn der Raketenantrieb abgeschaltet wird und sich die sechs Astronauten im Weltraum aus ihren Sitzen lösen, um frei herumzuschweben.
Nach fünf schwerelosen Minuten setzen sich die Teilnehmer wieder hin, und die VSS Enterprise gleitet zur Erde. Dabei nutzt sie neuartige schwenkbare Flügel, um abzubremsen und die Flugbahn für den Wiedereintritt zu kontrollieren. Die VSS Enterprise ist also nicht nur ein Raumschiff, sondern zugleich ein Gleitflugzeug, das die weltweit größte Flughöhe erreichen kann.
Der erste bemannte Gleitflug der VSS Enterprise zur Erde fand im vergangenen Oktober in 13 700 Meter Höhe statt. Im Mai 2011 demonstrierte sie zum ersten Mal ihren einzigartigen „Segelmodus“ für den Wiedereintritt. Nach der sicheren Landung, elf Minuten und fünf Sekunden nach dem Ausklinken auf mehr als 15 600 Meter Höhe, nannte der Pilot Pete Siebold das Erlebnis „den Traum eines jeden Testpiloten“.
Als Nächstes soll das Triebwerk der Rakete gestartet werden, um sie in den Weltraum zu befördern.
WIE JEAN RIES wurde auch Richard Branson von den Mondlandungen inspiriert. Der Präsident der Virgin-Unternehmensgruppe, dessen Vermögen kürzlich mit knapp drei Milliarden Euro bewertet wurde, startete seine Karriere als Geschäftsmann in den späten 60ern – der Blütezeit der Apollo-Missionen.
Während der Glasnost-Ära, so Branson, fragte Gorbatschow ihn, ob er einen Platz in der Sojuz buchen wolle, um als erster Weltraumtourist zur Raumstation Mir zu reisen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Preis von 50 Millionen Dollar verhinderten das.
Zuvor hatte Branson einen amerikanischen Raumfahrtingenieur namens Burt Rutan kennengelernt. Rutan baute in seiner eigenen kleinen Fabrik in der kalifornischen Mojave-Wüste ein Raumschiff. Er wollte den mit zehn Millionen Dollar dotierten Ansari-X-Preis für das erste privat finanzierte Raumschiff gewinnen.
Burt Rutans SpaceShipOne bestand aus leichtem, aber enorm widerstandsfähigem Kohlefaser-Verbundstoff und sollte von einem identisch gebauten Mutterschiff mit doppeltem Rumpf, der WhiteKnightOne, gestartet werden.
2004 gewann Rutan den Preis, und Branson sah darin „die Zukunft der kommerziellen Raumfahrt: ein Fluggerät, das erschwinglich und zugleich sicher war“.
Als es aufstieg, trug SpaceShipOne nicht nur einen Piloten, sondern auch das Virgin Galactic-Logo. Der Sponsor Branson hatte einen Deal ausgehandelt: Rutan sollte ihm ein größeres Raumschiff bauen, das zahlende Kunden aufnehmen könnte.
Ab 2005 konnte man bei Virgin Galactic Tickets buchen: 200 000 Dollar für einen Flug von 150 Minuten. Jean Ries musste nicht lange überzeugt werden. „Ich leistete meine Anzahlung und wurde Gründungsmitglied.“ Innerhalb von sechs Monaten hatte Virgin mehr als 11 Millionen Dollar eingenommen. Bis heute haben 460 Personen Anzahlungen von insgesamt 60 Millionen Dollar geleistet, und 80 000 weitere haben Interesse angemeldet.
Im Oktober 2010 kam Branson mit seinem Freund Buzz Aldrin und 30 zukünftigen Astronauten in der Wüste von Neu Mexiko zusammen. Die schlanken Doppelrümpfe des Mutterschiffes (nach Bransons Mutter Eve benannt), mit der VSS Enterprise dazwischen, erschienen elegant am blauen Himmel und landeten auf der neuen, 3000 Meter langen Landebahn des Spaceport America. Dies ist der weltweit erste private Weltraumbahnhof und der „Heimathafen“ von Virgin Galactic, auf dem ein von Norman Foster entworfenes Gebäude aus Glas und Stahl entsteht.
„Dieses Projekt war eine echte Herausforderung für das Team, aber die Raumfahrt ist ein sehr attraktives Geschäft“, so Branson. Das Unternehmen plant, nach zwei Jahren mit drei Mutter- und fünf Raumschiffen die Gewinnzone zu erreichen.
Der erste bemannte Suborbital-Testflug wird wahrscheinlich Anfang 2012 stattfinden, aber Virgin Ga-lactic will noch kein festes Datum für die ersten gewerblichen Flüge nennen. Auch wenn LLC noch verkündet, dass „der Weltraum ihr Territorium ist“, beteiligen sich nun andere Unternehmen an dem Rennen.
IM APRIL 2011, 50 Jahre nachdem Gagarin als erster Mensch im Weltall war, nahm Space Expedition Curaçao (SXC) seine Geschäfte auf. Das Unternehmen will zahlende Kunden ab Januar 2014 in einer Lynx genannten Rakete, die in Kalifornien entwickelt wird, in den Weltraum bringen.
Die niederländischen Gründer von SXC sind der pensionierte Generalleutnant Ben Droste, 56, früher Kommandeur der niederländischen Luftwaffe, und Major Harry van Hulten, 41, ein Jet-Testpilot. Das unternehmerische Wissen bringt der 42-jährige Michiel Mol ein, der Gründer eines Software- und Spiele-Imperiums, der auch Miteigentümer des Formel-1-Teams Force India ist.
Der Flug ins All ist mit 95 000 US-Dollar günstiger als bei LLC, die Lynx kann jedoch auf jedem Flug nur einen Passagier befördern. „Mit einem Konzept, der dem eines normalen Flugzeugs ähnelt, können wir fünf Flüge am Tag durchführen“, erklärt Mol.
Die Lynx wird von einer Startbahn abheben, dann sofort in eine Steigung von 80 Prozent übergehen, bevor sie zurück zur Erde gleitet. „Wir wissen, dass diese Rakete funktioniert“, sagt Mol. „Sie hat 88 Testflüge in Flugzeugen absolviert. Jetzt muss man nur noch das Raumschiff um die Maschine herum bauen. Wir werden voraussichtlich Anfang 2012 bereit sein, vollständige Testflüge zu starten.“
ANDERS ALS die Astronauten bei LLC werden die Raumfahrer bei SXC ihre Sitze nicht verlassen können. „In der Lynx ist nicht genug Platz, um zu schweben“, so Mol, „aber man sitzt direkt neben dem Piloten und hat den besten Ausblick in den Weltraum.“ Das Ziel von SXC ist, bis 2020 pro Jahr 1000 Flüge durchzuführen. Die niederländische Fluglinie KLM, ein Gründungspartner, plant, SXC-Flüge zu vermarkten und zu verkaufen.
Welche Bedeutung hat dieses aktuelle Rennen um den Weltraum für uns? Es könnte die Flugzeugindustrie revolutionieren, die Umweltverschmutzung reduzieren und die Wissenschaft weiterbringen, sagt Stephen Attenborough von Virgin Galactic. „Obwohl das Innere von Passagierflugzeugen zunehmend aus Kohlefaser-Verbundstoffen besteht, werden die Boeings und Airbusse dieser Welt nach wie vor mit Flugwerken aus Aluminium hergestellt.“
Branson fügt hinzu: „Wir haben bewiesen, dass man ein großes Flugzeug bauen kann, das leichter ist, genauso widerstandsfähig und dabei effizienter im Kraftstoffverbrauch.“
Langfristig besteht die Aussicht, dass Langstreckenflüge suborbital oder sogar orbital durchgeführt werden könnten, sodass zum Beispiel der Flug von Paris nach Sydney weniger als drei Stunden dauert. „Dies ist der nächste Quantensprung für die kommerzielle Luftfahrt“, erklärt Ries überzeugt.
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