Piraten an Bord
Der 28-jährige Bootsmann musste den Seeräubern entkommen, um seine Kameraden zu retten
By BRIAN EADS
Laute Stimmen, schnelle Schritte, heftige Schläge gegen die verschlossene Kabinentür rissen Kapitän Sasongko Samudy aus dem Schlaf. Es war vier Uhr morgens. Sasongko lief ein Schauer über den Rücken. Er begriff, dass jemand die Tür aufbrechen wollte. Schon gab die Tür nach. Drei Männer stürzten herein, maskiert, schwarz vermummt. Jeder schwang kampfbereit einen Parang – ein großes malaiisches Messer von etwa einem Meter Länge. mit dem Paranggriff ins Gesicht. Mit einer blutenden Kopfwunde fiel Sasongko zu Boden. Der Kapitän wurde an Händen und Füßen gefesselt.
„Sag deinen Leuten, sie sollen auf die Brücke kommen“, schnauzte der Anführer auf Indonesisch. „Wenn sich nicht die gesamte Crew ergibt, bringen wir euch alle um!“
Es war Juni 2005, am dritten Tag einer siebentägigen Routinefahrt von Singapur nach Rangun, Myanmars Hauptstadt. Eigentlich hätte Sasongkos voll beladener 7000-TonnenÖltanker Nepline Delima mit seinen 18 Mann Besatzung problemlos die Malakkastraße passieren sollen. Gewiss, in diesen Gewässern tummelten sich Seeräuber und entführten Schiffe, um die Fracht verkaufen zu können. Doch der indonesische Kapitän hatte diese Route schon hundertmal befahren und nie Ärger gehabt. Jetzt waren diese brutalen Kerle in seiner Kabine und bedrohten ihn samt seiner Mannschaft.
Das penetrante Summen der Bordverständigungsanlage an der Kabinenwand weckte Mohamed Hamid, den Bootsmann des Tankers. „Schnellboot längsseits“, meldete ihm ein Seemann. „Könnten Piraten sein.“
Hamid rief die Brücke. Niemand reagierte. War sie schon von Piraten besetzt? Der 28-jährige Malaysier zog seinen orangefarbenen Overall über und trat auf den Gang, um nachzuschauen. Als er die Treppe zum Oberdeck emporschlich, hörte er die Stimme seines Kapitäns im Lautsprecher: „Aufwachen! Wir haben Piraten an Bord, alle Mann auf die Brücke!“ Dann hörte Hamid den Kapitän vor Schmerzen aufschreien.
Hamid zitterte vor Angst. Doch der Malaysier trug die Verantwortung für die Besatzung. „Iman“ nannten sie den frommen Moslem wegen seiner Führungsqualitäten und seines Pflichtbewusstseins. Schon mit 20 fuhr er zur See, um seine Eltern zu unterstützen, arme Bauern in Westmalaysia.
Er eilte von Kabine zu Kabine. Sechs Leute rüttelte er wach und brachte sie zum Kommandoraum. „Wir haben keine Waffen, gebt den Piraten, was sie verlangen“, schärfte er ihnen ein. Dann schickte er die Männer auf die Brücke.
Als der Erste auf die Brücke kam, nahm ihn ein Maskierter in den Schwitzkasten und drückte ihm einen Parang an die Kehle.
Hamid erstarrte. Der Pirat war groß und kräftig, die Augen wirkten stumpf und grausam. „Unser Mann ist so gut wie tot“, dachte er und rannte los.
Hamid Hetzte ins Schiffsinnere und suchte nach Bordkameraden. Mehrmals sichtete er kurz Piraten; vertraut mit allen Treppen und Gängen im Schiff, konnte er rasch verschwinden. Doch kein Crewmitglied war zu sehen. Ratlos verbarg er sich in einer verlassenen Kabine unter dem Bett, um zu verschnaufen. Kaum hatte er sich dort verkrochen, ging die Tür auf. Hamid begriff: Während er seine Bordkameraden suchte, suchten die Seeräuber ihn. Er rührte sich nicht, als ein Lichtstrahl durch die Kabine wanderte und kurz seine Knie streifte. Dann knallte die Tür zu.
Hamid überlegte. Wenn er den Gangstern hatte entgehen können, schafften es andere vielleicht auch. Er kroch unter dem Bett vor und machte sich wieder auf die Suche. Beim Überqueren des Achterdecks sah er, wenige Meter entfernt, einen Piraten. Hamid rannte über das Deck und sprang auf eine tiefer gelegene Plattform. Seine Uhr zeigte 5 Uhr morgens. Die Hatz dauerte nun schon fast eine Stunde. Er musste von der Bildfläche verschwinden, aber wie? Das 80 Meter lange Deck war hell beleuchtet wie ein Fußballstadion. Dann fielen Hamid die Rohre ein. Drei 30 Zentimeter starke Ölleitungen verliefen längs über das ganze Deck, mit einem halben Meter Abstand und auf Stützen. Er verkroch sich darunter. Aus der Ferne kamen Geräusche, als ob Männer geschlagen würden und schrien.
Da – Schritte in der Nähe. Jemand rief: „Ich bring’ dich um, Hamid!“ Metall klirrte gegen Metall. Und abermals: „Ich bring’ dich um, Hamid!“ Stahl blitzte auf, als der Pirat seinen Worten mit Parang-Hieben auf die Rohre Nachdruck verlieh. Hamid fragte sich, woher sie seinen Namen wussten.
Es waren drei. Sie gingen jetzt oben auf den Rohren entlang und leuchteten mit Stablampen in die Schatten. Die Tritte und Drohungen wurden schwächer, als sie Richtung Vorschiff weiterzogen, und wieder lauter, als sie zurückkehrten.
Ein Lichtstrahl huschte über Hamids Beine. „Das war’s“, dachte er. Aber er wurde nicht entdeckt. Bald danach stiegen die Piraten die Treppe hoch und verließen das Deck. Hamid atmete erleichtert auf. Doch was nun?
Kapitän sasongko hockte gefesselt im Ruheraum vier Decks unter der Brücke. Eine halbe Stunde lang sah er zu, wie seine Leute hereingeschleppt wurden. Hamid und Saad fehlen, sagte er sich besorgt. Versteckten sie sich? Waren sie tot?
Dass sie von einigen der zehn Piraten gesucht wurden, wusste der 44-jährige Kapitän nicht; ebensowenig, dass sein zweiter Offizier, der Indonesier Feri Rahayu, mit den Verbrechern zusammenarbeitete. Er hatte darum gebeten, in Küstennähe zu fahren, um besser mit seiner Frau wegen ihres kranken Sohnes telefonieren zu können. In Wirklichkeit rief er den Piratenchef Lukman Amin an und gab ihm die Position der Nepline Delima durch. Später ließ er den Gangstern eine Leiter zum Entern herunter und nannte ihnen die beiden fehlenden Seeleute.
Sasongko grübelte. Was wollten die Piraten? Wertsachen? Bares aus dem Safe? Wenn ja, hätten sie das Zeug doch eingesackt und wären abgehauen. Nein, vermutlich ging es ihnen um das Schiff selbst oder zumindest um die Ladung: Dieselkraftstoff im Wert von rund 15 Millionen Dollar. Oder würden sie alle umbringen und das Schiff verbrennen? Diese Leute waren gefährlich. Sasongko beschloss, ihre Anweisungen zu befolgen und möglichst weiteres Blutvergießen zu verhindern.
Als die Seeräuber begriffen, dass sie das Schiff nicht führen konnten, wurde Sasongko auf die Brücke gebracht. Zwei Piraten bauten sich drohend hinter ihm auf, und er musste Lukman Autopilot, Radar, Steuerung und funktechnische Navigationsmittel erklären. Es war zermürbend. Falls den Piraten was nicht passte, konnten sie unangenehm werden. Streit oder Gegenwehr wäre gefährlich gewesen.
Immer noch bäuchlings unter den Rohren liegend, wägte Hamid seine Chancen ab. Über Bord springen? Nicht ohne Rettungsweste. Mit Weste konnte er zwei Tage überleben, und vielleicht würde ihn in der stark befahrenen Seestraße ein Schiff aufnehmen. Doch die Westen befanden sich unerreichbar für ihn auf den Decks in Bug und Heck sowie auf dem Oberdeck.
Dann bemerkte er ein helles Seil. Es war an der Reling gegenüber befestigt. Hamid erkannte sofort, dass dieses Tau nicht zum Schiff gehörte. Wenn das Piratenschiff daran hing, konnte er vielleicht fliehen.
Vorsichtig verließ Hamid seinen Unterschlupf und kroch über das Deck. Ein rotierender Suchscheinwerfer beleuchtete die Fläche, und jedes Mal, wenn er näher kam, verharrte Hamid bewegungslos. Minuten später hatte er die Reling erreicht. Da waren zwei Taue, eines so dick wie sein Handgelenk, eines dünner. Drei Meter unter ihm schaukelte ein schnittiges Schnellboot auf dem Wasser. Hamid schnitt das dickere Tau mit seinem Messer durch und sprang in das Boot. Dort kappte er das zweite Seil. Der Tanker glitt ohne ihn weiter.
Das Sieben-Meter-Boot wirkte topmodern. Doch Hamid verstand zwar viel von Schiffen, aber wenig von schnellen Booten. In der Dunkelheit suchte er die Bedienungskonsole nach einem Knopf, einem Hebel ab. Zehn nervenaufreibende Minuten vergingen, dann ertastete er endlich den Anlasser hinter dem Steuer. Und der Schlüssel steckte!
Hamid startete die Maschine und preschte durch die Finsternis. Es hatte zu regnen begonnen, und bald war er bis auf die Haut nass. Aber er entkam. Und er wusste, dass es nun seine Pflicht war, Alarm zu schlagen und seinen Kapitän samt Crew zu retten.
Es gab keine Navigationsausrüstung an Bord, nicht einmal einen Kompass, und der bedeckte Himmel war sternenlos. Auf gut Glück steuerte Hamid die Küste der Halbinsel Malakka an, die sich, wie er wusste, an der Steuerbordseite des Schiffes befand. Doch nach 30 Minuten war der Treibstoff verbraucht. Er fand ein paar Reservekanister, und weiter ging’s.
Nach fast vier Stunden erreichte er eine Landungsbrücke der malaysischen Seepolizei und meldete den Vorfall. Die Rettungsaktion lief an. Am späten Vormittag erreichte das Polizeischiff den Tanker. Nach kurzer Diskussion erklärte Inspektor Salam Halim, der Teamführer: „Wenn ihr nicht aufgebt und wenn ihr Verletzte und Tote wollt, lasse ich das Schiff stürmen.“ Zehn Minuten lang tat sich nichts. Lukman bat um weitere Bedenkzeit und meldete wenig später: „Wir geben auf.“
Als Kapitän Sasongko an Bord des Polizeiboots kam und Hamid erblickte, rannen ihm Tränen der Freude und Erleichterung über das blutverschmierte Gesicht. Die beiden Männer umarmten sich. Sasongko sagte zu Hamid: „Ohne deinen Heldenmut wäre ich wohl nicht mehr am Leben.“
Matrose Muhhamad Saad Bin Musa hatte sich unter einer Matratze verkrochen und war unversehrt geblieben. Am 19. Februar 2006 wurden Lukman Amin und seine Komplizen wegen Raubüberfalls zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Hamids Eltern überredeten ihren Sohn, künftig an Land zu bleiben.
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