Neuer Anfang
Es ist Morgen. Susanne Janson schläft noch tief. Der Weihnachtstag gestern war anstrengend. Da wird plötzlich die Stille der Stockholmer Wohnung vom Klingeln des Telefons durchbrochen. „In Thailand ist etwas Schreckliches passiert“, stammelt ihr Vater. „Weißt du, wo sich die Mädchen genau befinden?“
Susanne Jansons Töchter, Josefin, 12, und Eleonor, 14, machen mit ihrem Vater und dessen zweiter Frau und Familie Ferien in Khao Lak, einem Küstenstrich in Südthailand mit weißen, von Palmen gesäumten Sandstränden. Die Frage ihres Vaters lässt ihr Herz fast stillstehen.
Sie wählt die Handynummer ihrer Töchter, ihr Lebenspartner Hans Forssell stellt den Fernseher an. Alle Nachrichtenprogramme berichten von dem Erdbeben vor der Küste Sumatras, das eine 30 Meter hohe Flutwelle ausgelöst hat, die am Ende rund 300 000 Menschen in 14 Ländern Südasiens und Ostafrikas das Leben kosten wird. Janson lässt bei ihren Töchtern lange klingeln. Keine Antwort.
In den Nachrichten wird von mehr als zwölf Toten aus Schweden berichtet. Janson wählt verzweifelt die Nummer ihres Exmannes. Keine Antwort. Die Zahl der Toten aus Schweden steigt – Dutzende, dann mehr als 100, schließlich Hunderte. Wieder versucht sie, Josefin und Eleonor zu erreichen – nichts. Forssell schaltet den Fernseher aus.
Es wird Nachmittag, dann Abend. Freunde und Familienmitglieder finden sich ein. Wie besessen verfolgen sie die Fernsehbilder, durchforsten das Internet, um irgendein Lebenszeichen von den sieben verschollenen Familienmitgliedern zu finden.
Die 41-Jährige wird zunehmend aufgeregt. Wenn sie nur dorthin könnte, wo ihre Töchter die letzten sieben Tage verbracht haben. Sie würde sie sicher finden. Zusammen mit Forssell, 35, beschließt sie, nach Thailand zu fliegen um nach Josefin und Eleonor zu suchen.
Als das Flugzeug nach Bangkok abhebt, weiß Janson nicht, dass sie nie wieder in ihr altes Leben zurückkehren wird. Ebenso wenig kann sie vorhersehen, dass sie in Thailand, wo sie ihre Töchter suchen will, ein neues unerwartetes Leben finden wird.
Nach ihrer Landung erwartet die beiden das Chaos. Die Krankenhausangestellten in Thailand versuchen die Menschen, die sie behandeln, zu identifizieren, ohne deren Sprache oder Schrift zu kennen. Im Zentrum von Phuket schöpfen Janson und Forssell neue Hoffnung. Die Namen der Geretteten werden hier bekannt gegeben, und andere Menschen, die auch nach Angehörigen suchen, berichten von Opfern, die in Krankenhäusern auftauchen, orientierungslos und verwirrt. Die größte Hilfe sind die Einheimischen, trotz ihres eigenen Leids. Ein Mann übersetzt für Janson bis tief in die Nacht hinein die Beschreibung ihrer Familienangehörigen in Thai.
Am 5. Januar erscheint ein Vertreter der thailändischen Luftwaffe, die noch nach Überlebenden gesucht hat, als die internationalen Hilfsorganisationen schon aufgegeben hatten. „Wir werden keine Überlebenden mehr finden“, sagt er. Die Luftwaffe hat ihre Suche eingestellt. Doch Janson verliert noch immer nicht die Hoffnung. Sie will nach Khao Lak fahren, auch wenn die schwedischen Behörden abraten. „Ich muss mit eigenen Augen sehen, wo sie waren“, entgegnet sie.
In Khao Lak findet sie eine unvorstellbare Verwüstung vor. Die dem Strand am nächsten gelegenen Bungalows sind einfach fortgespült. Nur der zurückgebliebene Schutt lässt ahnen, dass sie hier einst gestanden haben. An den Palmenwipfeln hängen überall Kleidungsstücke, Koffer und Fernseher. Alles ist grau in grau, von Schlamm bedeckt.
Janson begreift, dass es einem Wunder gleichkäme, wenn hier jemand überlebt hätte. Ihre Welt bricht zusammen. Als sie am nächsten Tag nach Hause fliegt, wünscht sie sich, für immer einzuschlafen. „Ich möchte nur noch sterben“, sagt sie zu Forssell.
Während der nächsten zwei Monate muss er mit ansehen, wie Janson in eine immer tiefere Depression fällt. Sie verlässt nur noch selten das Bett. Ihre Mutter und ihre Tante ziehen ins Haus, um zu helfen. Eines Tages liest Janson einen Artikel über eine thailändisch-schwedische Familie, die Tsunami-Opfern mit Spenden von schwedischen Überlebenden hilft. Sie steht auf und duscht. Als das heiße Wasser auf ihren erschöpften Körper prasselt, kommt ihr die Idee: Sie könnte dort in Thailand als Freiwillige mithelfen und so Josefin und Eleonor näher sein. Zum ersten Mal, seit ihre Töchter verschwunden sind, gibt es für sie etwas, das Sinn macht.
Janson ruft Forssell an. „Du hast doch den Artikel über die Kinder und Familien in Phuket gelesen, die ein neues Zuhause finden“, sagt sie, ohne zu wissen, was er antworten wird. „Ich glaube, wir sollten auch nach Thailand fahren, um zu helfen.“
„Ja, gut“, antwortet Forssell, ohne einen Moment zu zögern. „Machen wir das.“ Auch er ist voller Trauer, da die beiden Mädchen, die sechs Jahre bei ihm gelebt hatten, für ihn wie eigene Töchter waren. Ihr beider Leben hatte sich um Josefin und Eleonor gedreht.
Sie finden die E-Mail-Adresse der Heimgründer heraus und erhalten eine Einladung. Janson erbittet einen dreimonatigen Genesungsurlaub von ihrem Job in einer Werbeagentur. Forssell nimmt ein Urlaubssemester an der Stockholmer Uni. Dann vermieten sie ihre Wohnung.
Als Janson ihren Eltern von ihrem Vorhaben erzählt, weicht die Sorge aus den Augen des Vaters. Er versteht sie, ist erleichtert. „Geh ruhig“, sagt er. „Ich wusste, dass du einen Weg finden wirst.“
Anfang Mai 2005 betreten Janson und Forssell zum ersten Mal das Barnhem (so nennt man im Schwedischen ein ). Sie finden immer noch Chaos vor: eine Handvoll schlichter, noch nicht fertig gestellter Betonbauten im Nordosten Phukets, keine zehn Kilometer von einem der Strände entfernt, die der Tsunami zerstört hat.
Die beiden schließen sich dem unorganisierten Treiben an, wie von einem Autopiloten gesteuert. Sie arbeiten Tag für Tag, erledigen eine Aufgabe nach der anderen. Da Phuket zum großen Teil in Trümmern liegt, ist es schon eine Herausforderung, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen: Nahrung, Trinkwasser und Unterkünfte.
Zu dieser Zeit werden die Leichen der Familienmitglieder von Jansons Exmann identifiziert. Nur einer, der 13-jährige Sohn, hat überlebt. Eine Welle der Verzweiflung überkommt sie und fesselt sie für Stunden ans Bett. Doch sie gibt die Hoffnung nicht auf, bis schließlich sechs Monate nach dem Tsunami auch Josefin und Eleonor identifiziert werden. Janson besteht darauf, ihre sterblichen Überreste zu sehen. Es ist kaum etwas zu erkennen, aber sie kann den Umriss ihrer Körper ausmachen, wie es nur eine Mutter kann.
Die Arbeit im Heim lenkt Janson ab, doch sie ist verzweifelt. Die thailändischen Frauen, mit denen sie zusammenarbeitet, haben selbst ihre Kinder verloren. Es beeindruckt sie, dass sie sich von ihrem Verlust nicht unterkriegen lassen. Für die Einheimischen gehört der Tod zum Leben dazu. Janson begreift: „Ich werde darüber niemals hinwegkommen, aber ich kann trotzdem fröhlich sein.“
In den folgenden drei Monaten bemerkt Forssell, dass sich Janson verändert. Er sieht, dass sie an Energie gewinnt und sich auf ihre Arbeit im Kinderheim freut. Je mehr sie anderen gibt, desto weniger konzentriert sie sich auf sich selbst. Die Kinder sind für sie ein Ausweg aus ihrem Leid.
Als Forssell eines Tages das Barnhem-Büro betritt, hört er, wie Janson zu einer anderen Freiwilligen sagt: „Eigentlich sollten wir nur drei Monate herkommen, aber ich denke, dass wir noch bis zum Ende des Jahres bleiben. Weitere sechs Monate, wenn das für Hans okay ist.“ Zum ersten Mal hört er sie wieder über die Zukunft sprechen.
Als die Gründer des Kinderheims sie im Juli 2005 fragen, ob sie auf Dauer als Angestellte bleiben und die Führung des Hauses übernehmen wollen, zögert Forssell keinen Augenblick. Sie teilen ihren Arbeitgebern und ihren Familien mit, dass sie nicht mehr zurückkehren werden, und lagern ihre gesamte Habe ein. Sie müssen ein neues Leben beginnen.
Es vergehen Monate, bis Janson und Forssell sich einleben. Familien, die ihre Häuser mithilfe der Hilfsorganisationen wieder aufgebaut haben, verlassen das Barnhem. Während diese Menschen wieder in ihr altes Leben zurückkehren, sind sie – wie viele andere aus dem Westen – noch auf der Suche nach dem Sinn der Zerstörung durch den Tsunami.
Die seelischen Bedürfnisse der freiwilligen Helfer übersteigen die Grundbedürfnisse der Tsunami-Opfer. Janson und Forssell erkennen, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf diejenigen richten können, die schon vor dem Tsunami in Armut gelebt haben. Das Barnhem öffnet nun seine Türen für alle hilfsbedürftigen Kinder und Familien, nicht nur für die Opfer des Tsunamis.
In den nächsten sechs Jahren findet sich Janson in ihrem neuen Leben ein. Sie lernt die Landessprache und nimmt ihre Rolle als Mutter ihrer neuen Familie an – bis zu 47 Kinder, zehn thailändische Mitarbeiter und einige meist schwedische Freiwillige. Wenn die Kinder morgens in der Schule sind, arbeitet sie in ihrem einfachen Büro, nimmt Kontakt zu Geldgebern auf und spricht mit dem Personal über die Kinder.
Doch sobald der weiße Schulbus eintrifft und die Kinder auf den Rasen springen, gilt ihre gesamte Aufmerksamkeit allein ihnen. Die Jüngsten gehen in ihre einfachen Mehrbettzimmer, die gerade groß genug sind, damit sie dort ihre Rucksäcke abstellen können. Dann laufen sie fröhlich und lachend zum Spielzimmer, um sich ein Auto, ein Bilderbuch oder ein Stofftier zu holen. Die älteren Kinder versammeln sich um eine Tischtennisplatte im Freien. Einige sitzen mit den Hilfskräften an Picknicktischen und machen Hausaufgaben.
Janson liebt diese Augenblicke der Unbeschwertheit. Sie weiß um ihre Bedeutung, denn mit den Kindern so viel Zeit wie möglich zu verbringen ist der einzige Weg, um ihre Gefühle wirklich zu verstehen.
Praew* war eines der ersten Nicht-Tsunami-Opfer, das nach Barnhem kam. Anfangs war sie sehr schüchtern und verschlossen. Janson verbringt manchmal Stunden mit dem Mädchen, hilft bei den Hausaufgaben. Praew wuchs im Norden Thailands auf, einer der ärmsten Regionen des Landes. Der Vater ist verschwunden, der Aufenthaltsort der Mutter unbekannt. Janson hofft, dass Praew durch Barnhems friedliche Atmosphäre erkennt, dass es für sie eine andere Zukunft geben kann als ein Leben in Armut.
Janson beobachtet zufrieden, wie Praew mehr und mehr aus sich herausgeht und in der Schule gut mitkommt, doch sie macht sich auch Sorgen um das Mädchen. Wird sie sich in einen Jungen verlieben und schwanger werden? Wird ein Verwandter kommen, um sie aus der Schule zu nehmen, damit sie Geld verdienen kann?
Als Janson Anfang des Jahres einmal mit ihr zusammensaß, fragte sie die mittlerweile 15-jährige Praew, ob sie auf die Universität gehen wolle. Praew antwortete nur zögernd, doch Janson bemerkte eine Veränderung. Später hörte sie, wie Praew einem freiwilligen Helfer im Vertrauen erzählte, dass sie nach der Schule auf die Universität gehen wolle.
Ein heißer, stickiger Nachmittag im Juli 2011. Ein junger Mann sitzt auf dem Boden des Barnhem-Büros und füttert ein Kleinkind mit Reis. Der 18-jährige Fame, der mit zwölf hierherkam, ist das erste Barnhem-Kind, das – finanziert von einer schwedischen Familie – in sein eigenes Apartment zog und zu studieren begann. Jede Woche kommt er in das Waisenhaus, um den jüngeren Kindern zu helfen. „Das hier ist meine Familie“, sagt er.
Jansons Augen leuchten, als sie etwas auf Thai sagt. Sie gibt ihm mit vorgespieltem Ernst zu verstehen, dass sie sich dringend unterhalten müssten, da er sein Taschengeld zu schnell ausgebe. Aber der zärtliche Ausdruck in ihrem Gesicht verrät sie.
Etwas später lehnt sich Janson in ihrem Stuhl zurück und unterbricht das Gespräch, um die Barnhem-Kinder, die aus der Schule kommen, fröhlich zu begrüßen. Das Leben von Janson und Forssell hier – jeden Morgen werden sie in ihrem einfachen Thai-Haus von Hühnern geweckt – ist so vollkommen anders als in ihrer geräumigen Wohnung inmitten der Stockholmer Innenstadt und in der schnelllebigen Werbewelt, in der sich Janson früher bewegte. Ihr neues Leben unterscheidet sich völlig von der Welt, die ihre Töchter Josefin und Eleonor umgab, als sie noch lebten.
„Glück war früher etwas, das ich umsonst bekam“, sagt sie langsam und starrt hinaus auf den Rasen. „Heute muss ich dafür arbeiten, und ich muss für drei leben.“
*Name aus Datenschutzgründen geändert
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